Wenn wir glauben, dass alles vorbei ist
Gestern, als ich mit meinem Hund im Wald unterwegs war, sah ich einen alten, abgesägten Baum. Von dem alten Baum steht nur noch ein Stück des Stammes. Knapp über dem Boden abgesägt, die Schnittfläche offen. Wer daran vorbeigeht, könnte meinen, das sei es gewesen.
Über viele Jahre gewachsen, in wenigen Minuten gefällt. Doch seitlich wächst ein junger Trieb. Anfangs so unscheinbar, dass man ihn leicht übersieht. Ein paar Blätter neben dem, was von dem großen Baum übrig ist. Mit der Zeit wird er kräftiger, wächst in die Höhe und bildet einen neuen Stamm. Die alte Schnittstelle bleibt dabei sichtbar. Vielleicht berührt uns dieser Anblick, weil wir das Gefühl kennen, dass etwas unwiderruflich vorbei ist. Eine Beziehung endet. Ein Mensch fehlt. Ein Plan, dem wir Jahre gewidmet haben, geht nicht auf. Wir sehen auf das, was geschehen ist, und können uns kaum vorstellen, wie unser Leben weitergehen soll. Zu viel war damit verbunden. Zu selbstverständlich haben wir geglaubt, dass noch Zeit bleibt.
Wenn unsere Aufmerksamkeit den Schmerz verstärkt
In solchen Momenten richtet sich unsere ganze Aufmerksamkeit auf den Verlust. Wir gehen Gespräche noch einmal durch, suchen nach Erklärungen, fragen uns, was wir hätten anders machen können. Das ist verständlich. Was uns wichtig war, lässt sich nicht einfach beiseitelegen. Manchmal sind wir so damit beschäftigt, zu begreifen, was fehlt, dass wir kaum bemerken, was sich ebenfalls in uns regt.
Vielleicht gibt es einen Nachmittag, an dem wir gern wieder länger draußen bleiben. Ein Gespräch, auf das wir uns freuen. Den vorsichtigen Gedanken, etwas auszuprobieren, für das bisher kein Platz war. Es sind kleine Dinge, und oft trauen wir ihnen noch nicht. Wir fühlen uns weiterhin verletzt. Da erscheint es uns beinahe seltsam, gleichzeitig neugierig zu sein oder Freude zu empfinden. Dennoch kann beides in uns Platz haben. Wir können etwas schmerzlich vermissen und uns trotzdem einem Menschen öffnen. Wir können Angst vor einer erneuten Enttäuschung haben und merken, dass wir uns wieder Nähe wünschen. Manchmal zeigt sich darin schon eine Veränderung, lange bevor wir selbst sagen würden, dass es uns besser geht.
Der junge Trieb auf dem Bild braucht Zeit. Noch lässt sich kaum erahnen, wie kräftig er einmal werden kann. Auch wir wissen am Anfang oft wenig darüber, was aus einem neuen Interesse, einer Begegnung oder einem vorsichtigen Wunsch entstehen wird. Vielleicht können wir ihnen etwas Aufmerksamkeit schenken, ohne gleich zu verlangen, dass sie unser ganzes Leben verändern.
Dahin, wo wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten, gestalten wir unser Erleben.
Dazu gehört auch, dass wir uns mit unseren Verletzungen zeigen dürfen. Das kostet Mut, besonders wenn wir es gewohnt sind, vieles mit uns selbst auszumachen. Wir möchten anderen nicht zur Last fallen. Vielleicht fürchten wir auch, dass sie uns anders sehen, sobald sie wissen, wie schwer uns manches noch fällt. Also sagen wir, es gehe schon, obwohl wir uns wünschen, jemand würde noch einen Moment bleiben. Manchmal beginnt Nähe damit, dass wir etwas ehrlicher antworten. Dass wir sagen: Das beschäftigt mich noch. Oder: Ich würde mich freuen, wenn du mitkommst, allein traue ich mich gerade nicht. Wir müssen dafür weder alles erzählen noch jedem vertrauen. Aber wir dürfen Menschen an uns heranlassen, bei denen wir uns aufgehoben fühlen.
Am alten Baum wird man weiterhin sehen können, was ihm widerfahren ist. Auch wenn der neue Stamm längst kräftig geworden ist. Vielleicht können wir uns selbst mit einer ähnlichen Geduld begegnen. Uns Zeit lassen, ohne das kleine bisschen Zuversicht zu übersehen, das zwischendurch auftaucht.
Noch wissen wir nicht, was daraus wächst. Aber wir dürfen ihm eine Chance geben.


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